Über neue Räume und der Idee des Lagerns von Ordnung - Teil I

25.Januar 2016 / von Dominik Nostitz

Der Wiener Künstler Dominik Nostitz hat einen zweiteiligen Essay über den Respekt und die Verantwortung zu Dingen verfasst - zu Dingen, mit denen man eigentlich nicht mehr so viel zu tun haben will, sie also in Folge auslagert, weil sie zum Wegwerfen zu schade sind. Man kann sie ja eventuell nochmal brauchen, nur derzeit sind sie eben nicht von Nutzen…


Lagerraum, Stauraum und Schauraum

Seit einigen Jahren trage ich die Idee in mir, die Funktionalität und die verschleierte Ästhetik von Garagen im Rahmen von Interventionen und Installationen genauer unter die Lupe zu nehmen und künstlerisch zu bespielen. Mit zwei weiteren Kuratoren habe ich in diesem Zusammenhang bei der Vienna Art Week 2015 das Projekt „Garagen“ ins Leben gerufen und mich dabei mit verschiedenen Formen und Funktionen von Garagen auseinandergesetzt. Ein Lichtblick für mich war die Entdeckung des Konzeptes von MyPlace-SelfStorage, das ich bis dato nur von den rotblauweißen Farben der Häuserwände her kannte.

Als Ausgangsszenario einen leeren Raum zu wissen, war irgendwie befreiend und eine Form von tabula rasa bzw. in diesem Sinne fabula rasa: Erzählen wir die Geschichte unserer Ansammlungen neu und von null an. Von der Leere angefangen und nicht von meinem vollgeräumten Chaos ausgehend, das mir den Blick nimmt sodass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen kann. Ein Neuanfang für die angesammelten Dinge und den dadurch beengten und fast schon beleidigten eigenen Raum, eine Chance zweiter Ordnung. Diese Leere, in die ich mich hineindenken sollte, erkannte ich in gewisser Weise als positiv konnotiert „doppelbödig“ an.

Mir ging es darum, mich einerseits mit dem stetigen Thema des Platzproblems auseinanderzusetzen und damit, wie sich Dinge über geraume Zeit ansammeln und vor allem warum. Andererseits gibt es neben der sachlichen Ebene der staubaren Dinge ja auch die geistig emotionale Ebene, auf die sich ein dinglicher Stau gerne überträgt. Auch sie kann eine durchaus ähnliche Last aufsetzen, je nachdem wie man mit Ordnung und der Ansammlung von Dingen umgeht. Mit dem Gedanken einer inneren Ordnung entsteht so etwas wie ein Chaosbewusstsein, das sich auf das Gemüt niederlegt.

Die Freiheit des leeren Raums

Einen leeren Raum zu bespielen ist also immer auch Chance und Befreiung. Einen Aufenthaltsort für Dinge zu finden, die im täglichen Leben Raum nehmen, ohne dass wir mit ihnen in einer notwendigen Beziehung stehen würden. Dabei zähle ich zur notwendigen Beziehung auch rein emotionale Werte, die nicht unbedingt Sinn und Funktion in einem Atelier oder in einer Wohnung haben. Wir wollen uns nur nicht trennen, für den Fall, dass eines Tages ebendieses Ding dann plötzlich besonders gebraucht werden könnte…

Doch dieser Tag kommt bekanntlich in den seltensten Fällen, was zur Folge hat, dass jeder Mensch in Europa im Schnitt 10.000 Dinge besitzt (man rechne dies auf einen fünfköpfigen Haushalt hoch…). Jene Gerätschaften und Dinge gerieten in ein anderes Licht, sobald ich wusste, dass es neuen Raum, neues Land zu besiedeln gibt. Es ist ein Versprechen der Leere, das wieder mehr innere Ruhe und Raum in die eigenen vier Wände zu bringen scheint.

Für mich ist es ein besonderes Erlebnis, einen leeren Raum, eine Art Garage, mit Dingen zu füllen, die in meinen Wohn- und Werkräumen nicht unbedingt eine momentane Funktion besitzen oder die gar nicht mehr funktionsfähig sind. Vielmehr verlangen sie durch ihre allgegenwärtige Präsenz Aufmerksamkeit von mir, die ich in den Momenten des Konzipierens oder Komponierens lieber anderen Dingen entgegenbringen sollte.

Vom Sinn und Unsinn der Dinge

Ich habe mir in Folge eine Liste mit Dingen geschrieben, die ich üblicherweise in Garagen wahrnehme und die symbolisch für Objekte des Lagerns stehen. In einem Plan habe ich zusammengefasst, wo ich diese Objekte finde, sie sammle und wie ich sie atmosphärisch umsetze und in meine Garage einstelle. Ob Abstellraum oder Wohnung, fast alle Dinge, die als Füllmaterial in Garagen stehen (wenn wir die Garage als Ausstellungsfläche sehen), fand ich an einem anderen Ort verstaut, weggelegt, den Weg verstellend, den Raum verwirkend:

alte Fahrräder, die seit drei Jahren nicht repariert wurden oder eine mir ans Herz gewachsene Gießkanne, deren Emaille-Beschichtung schon abblättert und am Boden einen Riss hat, also ihres Nutzens mittlerweile komplett beraubt wurde. Aber ästhetisch hatte sie noch einen besonderen Wert. Weiters einen alten Bilderrahmen, zwei Kisten voller Bücher und alter Kassetten. Ein paar CDs, zu denen ich interessanterweise weniger Beziehung empfinde und die eher in der persönlichen Kategorie „Ramsch“ landen, als meine alten Kassetten, Platten oder Bücher. Gartenschläuche und eine Gartenschlauchrolle, ohne zu wissen, ob der Schlauch das Wasser noch leiten kann, weil sich vielleicht schon einige kleine Löcher eingeschlichen haben. Kleine Details wie ein Sack Nägel, Feilen, Scheren, Gartenwerkzeug, alte Kartons mit Füllwerk, alte Putzmittel (Ata! – der Klassiker, der gar nicht mehr auf dem Markt ist. Genauso wenig wie das andere ATA – Artisten Tiere Attraktionen. Beides Kindheitserinnerungen, die über Dinge, die diese Erinnerungen mittragen, vermittelt werden). Kinderski, ein altes Gitterbett mit noch älterer Matratze. Besonders letztere entfaltete eine starke atmosphärische Sogwirkung, obwohl sie als rein funktionales Objekt ganz und gar nicht mehr überzeugend ist.

Unter diesen „Sammlungen aus Ansammlungen“ hat sich die Installation und Ausstellung wie von selbst geschrieben und entwickelt. Jedes Anbringen und Aufstellen vermittelt ein Gefühl von Befreiung und gibt dem Objekt eine neue Chance auf Sinnfüllung. Jedes neu platzierte Objekt, Gerät und Ding löst auf natürliche Weise einen direkten Effekt der Erleichterung aus, da es sich um eine Neuaufstellung handelt und den Dingen einen neuen Sinn verleiht, den ich dankbar verspüre.

Gedanken und Erinnerungen parken

Immer wieder bin ich im Lagerraum 9104 am Margaretengürtel, meiner temporären Garage, vorbeigegangen und habe mich dort einfach umgeschaut, eventuell ein paar Kleinigkeiten umgestellt, und beobachtet, wie sich der Raum atmosphärisch aufgeladen hat. In diesem Sinne trägt dieses Projekt auch dem Begriffsursprung des Wortes „Garage“ voll Rechnung: Das französische Wort garage, was so viel wie „Ausweichstelle“ bedeutet und sich vom französischen Verb garer, (daher auch la gare, „Bahnhof“) „in Sicherheit bringen“, „in eine sichere Verwahrungsstelle bringen“, bzw. „ausweichen“ ableitet. Dieses Wort wiederum findet seinen Ursprung im provenzalischen „Acht geben; bewahren“ , das sich wiederum aus dem germanischen Wort war-ō- (w wurde zu g), „beachten“, „ wahren“ und dem lateinischen varāre, „ausweichen“ herleitet. Nun, wenn man sich jetzt denkt „Ich verstehe nur Bahnhof“, dann ist das im Sinne des Verfassers: diesen Ausdruck der Verwirrung und der Wunsch ebendiese wieder in eine sichere Verwahrungsstelle zu bringen, was eben das Verständnis ist, gleichwie eine Garage…

weiter zu Teil II des Essays: Erinnerungen "365+"

 

Bild: © Laurent Nostitz

0 Kommentar(e) Alle lesen
Noch keine Kommentare vorhanden.
Nickname: *

Thema:

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
Kommentar: *

* - Pflichtfelder