„Ist hier noch Platz?“

01.September 2014 / von Vanessa Zimmermann

Morgens halb acht in deutschen Zügen, U-Bahnen und Bussen. Die Menschen sind auf dem Weg zur Arbeit, Schule oder Uni. Die öffentlichen Verkehrsmittel füllen sich. Die wenigen Sitzplätze werden eingenommen, alle warten eng aneinander gedrängt bis zur richtigen Haltestelle. Derweil werden Zeitungen aufgeschlagen. Taschen verstaut wo es nur geht, Aktenkoffer eng an sich gezogen. Platzmangel wohin das Auge reicht.


"Könnten Sie mal bitte Platz machen?“, „Ist hier noch Platz?“, Sätze die der Pendler jeden Tag aufs Neue hört. Er ist einer von rund 460.000 Menschen um München, die täglich vom Wohnort zum Arbeitsplatz fahren. Dabei muss er jedes Mal auf das Schlimmste vorbereitet sein. Es kommt vor, dass die Wagons der Züge bzw. U-Bahnen entweder überhitzt sind, oder auf gefühlte Minusgrade heruntergekühlt werden. Fenster können nicht geöffnet werden, meist muss sich der Pendler mit stickigen und/oder penetrant riechenden Wagons abfinden. Sauerstoff ist Mangelware.

Größte Mangelware ist jedoch der Platz. Zugegeben, nicht nur in den öffentlichen Verkehrsmitteln sondern auch bei den Autopendlern auf den Straßen herrscht Platz-Chaos. In der Rushhour ist es nicht selten so, dass man kaum den Asphalt vor lauter Autos sehen kann. Wütende und gestresste Verkehrsteilnehmer schenken sich keinen Zentimeter, um so schnell wie möglich in die Arbeit bzw. nach Hause zu kommen. Aber immerhin haben sie das Auto für sich alleine. Und der Geruch darin ist ihr eigener. Ebenso wie die herumliegenden Dinge. Im Zug hingegen, ist der Pendler täglich Dingen, Launen und Musik ausgesetzt, mit denen er so gar nichts zu tun haben möchte. Er muss sich zum Beispiel zwangsläufig das neuste Album von Helene Fischer anhören, denn einer der Mitreisenden hat die Lautstärke so laut aufgedreht, dass das ganze Abteil an der Beschallung mit Teil haben kann.

Allein um München verstopfen täglich circa 460.000 Pendler die Züge, U-Bahnen, Busse und Straßen. Sitzplätze sind rar, und wer einen hat gibt ihn auch nicht mehr her. Dem ein oder anderen platzt schon mal der Kragen wenn mal wieder der anvisierte Platz von jemand anderem vor der Nase weggeschnappt wird. Jeder will noch in die nächste U-Bahn, den Zug oder den Bus. Koste es, was es wolle. Einfach von hinten drücken, einer mehr passt dort schon rein. Dieser Kampf wird täglich aufs Neue ausgetragen. Berührungen oder Körperkontakt darf der Pendler nicht scheuen. Eng an andere Leute gedrängt, so verbringt er häufig seine Heimfahrten. Dabei gibt es oftmals ungewollte Zusammentreffen. Jeder kennt die Situation: Der Sitzplatznachbar bzw. Stehplatznachbar erzählt am Telefon lautstark die neuesten Neuigkeiten aus seinem Leben. Notgedrungen hört man zu und erfährt von Dingen, die man einfach nicht wissen möchte.

Doch warum tut sich der Pendler das, tun sich das so viele Menschen an? Die Pendlergemeinschaft, versucht dem Problem des Platzmangels in den Großstädten aus dem Weg zu gehen, werden jedoch tag täglich aufs Neue mit genau diesem Problem konfrontiert. Auch wenn es in einer anderen Art und Weise geschieht. Wichtigster Grund für das Gedrängel sind wahrscheinlich die hohen Mietpreise in der Stadt. Die Höhe der Mieten steht in keiner Relation zu dem zu vermietenden Platz mehr. Zahlte man im Jahr 2011 für eine 30 m² große Wohnung noch durchschnittlich 15,31 EUR/m² Miete, so lag der Preis Ende 2013 schon bei 17,98 EUR/m². Überzogen gesagt, bekommt man für sein kleines Vermögen nur eine Schuhschachtel. Der Kampf um den erschwinglichen Quadratmeter ist riesengroß. Vermieter können sich den Luxus leisten, aus der breiten Masse auszusuchen, wer bei ihnen wohnt. Eine nervenaufreibende Zeit für viele, die darüber hinaus auch noch viel Geld kosten kann. Zum Vergleich, in den Kleinstädten rund um München kostet der Quadratmeter durchschnittlich nur 8,01 EUR. Oftmals hat der Pendler dort sogar noch das Glück eine Wohnung mit Garten anmieten zu können. Vor allem für junge Familien ist dies der optimale Kompromiss; Leben im Grünen aber dennoch Arbeiten in der Großstadt. Deshalb wendet sich der Pendler gemeinsam mit tausenden Weiteren dem öffentlichen Verkehr zu.

Wie ein mancher diesen Pendlerstress über mehrere Jahre hinweg überstehen kann, stellt ein Rätsel dar. Platzmangel hier oder dort, ein Übel muss wohl jeder in Kauf nehmen, sein es horrende Mietpreise oder tägliches Gruppenkuscheln in der Bahn. 

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