Hoch, höher, am höchsten – Raum und Platz in Südkorea

21.Mai 2014 / von Arm Han

Zwischen Deutschland und Südkorea liegen knapp 8.200 Kilometer, mit einem Direktflug braucht man durchschnittlich zehn Stunden um diese Strecke zu überbrücken. Beide Länder kann ich mittlerweile als mein Zuhause bezeichnen, auch wenn sie in mancher Hinsicht unterschiedlicher nicht sein könnten.


U-Bahnlinie U3, Olympiazentrum. Noch ein kurzer Fußmarsch, dann ein Lift und man steht auf der Aussichtsplattform des Olympiaturms. Sie ist der ideale Ort, um einen beeindruckenden Ausblick auf Bayerns Hautstadt München zu ergattern. Vereinzelt ragen große Firmensitze in die Höhe, die meisten Wohnhäuser sind jedoch relativ niedrig gebaut. Auf gleicher Höhe hätte man von Südkoreas Städten einen nicht weniger schönen Ausblick, aber auf eine ganz andere Art und Weise. In München dürfen die Gebäude nicht höher sein als die Türme der Frauenkirche, in Südkorea hingegen sind keine Grenzen gesetzt. Denn dort, vor allem in der Hauptstadt Seoul, gilt das Motto: hoch, höher, am höchsten.

Apartmentblocks haben allesamt mindestens zwanzig Stockwerke und schießen wie Pilze aus dem Boden - irgendwo müssen die knapp 50,2 Millionen Einwohner des flächenmäßig kleinen Südkorea schließlich untergebracht werden. Allein ein Fünftel der Gesamtbevölkerung (ca. 10 Millionen) lebt in der Hauptstadt, München hat vergleichsweise „nur“ rund 1,5 Millionen Einwohner. Wenn man in München von Platzmangel und Wohnungsnot spricht, so ist Platz in Seoul ein absolutes Premiumgut. Tatsächlich wird jeder Quadratmeter genutzt, sei es durch Imbissstände, Klapptische mit Accessoires und Socken oder durch Verkäufer die am Straßenrand Gemüse und Meeresfrüchte zu Schnäppchenpreisen anbieten.

Ein Englischer Garten in Seoul wäre unvorstellbar, für Parks und weitläufige Grünanlagen ist in der südkoreanischen Hauptstadt kaum Platz. Nichtsdestotrotz waren in den letzten Jahren Bemühungen um ein umweltfreundlicheres Stadtambiente zu beobachten: Um 1955 wurde der Cheonggyecheon, ein Fluss der mitten durch eines der belebtesten Stadtviertel Seouls fließt, für den Straßenausbau geopfert und zugeschüttet. Von 2003 bis 2005 wurde der Fluss wieder freigelegt und ist heute ein Hotspot für Veranstaltungen, Touristen und Treffpunkt vieler Pärchen.   
Ebenfalls beeindruckend ist der Palast Gyeongbokgung, der mit seiner gesamten Anlage knapp 440qm der Metropole einnimmt und zwischen Wolkenkratzer und modernster Infrastruktur überlebt hat.

Genug zum Thema Stadt. Werfen wir einen Blick auf die Wohnungen in Südkorea. Wohnungen deshalb, da Einfamilienhäuser nur mehr vereinzelt, vor allem in ländlichen Gebieten, zu finden sind.
Die Apartmentblocks schließen ein Kellerabteil zu jeder Wohnung automatisch aus, ebenso einen Dachboden. Daher wird oft der Balkon als Stauraum genutzt, zum Sonnen und Entspannen wäre der nämlich sowieso viel zu klein.

Betritt man eine südkoreanische Wohnung stellt man sich zunächst die Frage: Wo sind die Betten? Gibt es keinen Esstisch? Und wieso gibt es hier eigentlich keine Stühle? – Betten und Esstisch verbrauchen viel zu viel Platz. Daher schlafen viele Koreaner auf Decken oder dünnen Matratzen, die tagsüber einfach zusammengefaltet und verstaut werden können. Stühle? – Wozu Stühle, die nur im Weg stehen und kostbaren Platz einnehmen, wenn man einfach auf dem Boden sitzen kann? Und der Esstisch? Der wird zu jeder Mahlzeit aus dem Stauraum (also vom Balkon) geholt, die Beine werden ausgeklappt und voilà. Falls es dann noch immer zu eng sein sollte, wird die Waschmaschine auch gern auf den Balkon verlagert. Wie man sieht, wissen sich die Koreaner also bei kleinem Raum und Platzmangel zu helfen.
In einer Münchner Wohnung wären diese Dinge wohl ebenso unvorstellbar, wie der Englische Garten in Seoul. Ein „Es ist besser in München/Seoul zu leben“ gibt es wie immer nicht: Was einem zwischen europäischer moderner Großstadt und asiatischer High-Tech Metropole lieber ist, muss schließlich jeder für sich selbst entscheiden.

 

Die Rechte an allen Bildern liegen bei Arm Han.

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