Chipperfield im Selfstorage

05.Mai 2013 / von Petra Beck

Die Modelle des renommierten Architekten David Chipperfield sind in einem Berliner Selfstorage-Abteil untergebracht. Auf 240 Quadratmetern lagert dieser „andere“ Output des Büros, die „kleine Materialität“. Petra Beck hat die Archivarin Susan Rohrschneider besucht.


Welche Modelle sind hier eingelagert?

Zum Beispiel das Neue Museum, das Literaturmuseum in Marbach am Neckar, das Empire Riverside Hotel Hamburg und das Peek & Cloppenburg Weltstadthaus in Wien. Hauptsächlich haben wir Berliner Projekte eingelagert. Aber weil wir hier ein gutes Verwaltungssystem und gute Lagermöglichkeiten haben, sind teilweise auch Modelle aus dem Londoner und dem Mailänder Büro hier eingelagert.

Was war der Auslöser für das Büro Chipperfield, ein Selfstorage-Abteil anzumieten?

Der Grund war Platzmangel im Büro. Die Projekte sind mehr geworden und damit auch die Arbeitsmodelle. Manchmal haben wir 20 oder 30 Arbeitsmodelle für ein Projekt. Das Büro hat zwar einen großen Keller, aber dort ist die Modellbauwerkstatt. Da arbeiten bis zu sechs Leute, da war auch kein Platz zum Lagern. Dann hat die Geschäftsleitung gemeinsam mit dem Archivleiter des Büros nach einer Lösung gesucht, wie wir unsere Modelle organisieren. Seit 2009 sind wir hier. Zuerst hatten wir vier, fünf kleine Selfstorage-Abteile, dann haben wir auf das große umgestellt, mit knapp 240 Quadratmetern. Und wie man sieht, ist es auch gut ausgelastet.

Wie viele Mitarbeiter betreuen das Archiv?

Wir sind zu dritt am Berliner Standort. Unser Archivleiter betreut alle Teilbereiche des Archivs im Büro. Dazu gehören auch die Fachbibliothek, eine technische Bibliothek und eine Materialbibliothek. Meine Kollegin ist für die Papierarchivierung zuständig, also die Pläne, Projektakten, Zeichnungen. Die haben ein eigenes Lager. Ich bin hauptsächlich für die Modellbauarchivierung zuständig. Ein großer Teil meiner Arbeit ist das Dokumentieren und Organisieren. Was ist das für ein Modell? Zu welchem Projekt gehört es? Ich nehme die Daten auf und bringe es hier ins Lager.

Zu welchem Zeitpunkt kommen die Modelle ins Selfstorage-Abteil?

Das ist ein kontinuierlicher Prozess. Freitags haben wir immer großes Büroaufräumen. Da wird auch die Modellbauwerkstatt aufgeräumt. Und bei den Architekten kommen ebenfalls manche Modelle zum Vorschein, die schon länger in einer Ecke stehen, kleine Arbeitsmodelle oder Details.

Ist das Archiv ein Lager für abgeschlossene Projekte oder wandern Modelle auch zurück ins Büro?

Also zum Teil ist es Lager, zum Teil ist es Zwischenlager. Für die Architekten ist es eher eine Art Aufbewahrungsort. Wenn sie mir die Präsentationsmodelle geben, ist für sie das Projekt abgeschlossen. Bei den Arbeitsmodellen ist das anders. Manchmal stoppt ein Projekt, und erst ein halbes Jahr später geht es weiter. Irgendwann sagen die Architekten dann, sie bräuchten ihre Modelle wieder.

Für die PR-Abteilung ist es eher ein Zwischenlager. Sie bekommt Anfragen von Museen und Ausstellungen für Präsentationsmodelle. Ich suche dann das richtige Modell, organisiere den Transport und mache die Leihverträge. Die Modelle gehen öfter auf Reisen. Gerade waren einige bei einer Ausstellung in Zürich. Wenn sie zurückkommen, mache ich eine Bestandsaufnahme und nehme sie wieder auf.

Und wie sind die Abläufe hier im Abteil?

Ich bin so ein-, zweimal die Woche hier im Lager. Entweder weil Architekten ein Modell brauchen, oder weil ich neue Modelle bringe, wenn ein Projekt abgeschlossen ist. Hauptsächlich arbeite ich an der Katalogisierung. Ich mache Fotos, dokumentiere die Sachen, wiege Modelle aus und messe sie. Jedes Modell bekommt ein „modell log“, so eine Art Reisepass. Da steht drauf, zu welchem Projekt es gehört, Maßstab, Maße, Modellnummer. Bei Arbeitsmodellen muss zusätzlich die Archivierungszeit angegeben werden. Wenn diese Frist abläuft, kläre ich mit den Architekten, ob ich es entsorgen oder weiter aufbewahren soll. Ab und an mache ich eine Tour zur Deponie.

Wie werden die Modelle aufbewahrt?

Wir führen eine Archivliste, in der alle Modelle mit Standortbeschreibung dokumentiert sind. Ein Modell zum Neuen Museum steht zum Beispiel unter C8. Wir haben eigens angefertigte Flight Cases, zur Sicherheit für das Modell. Die sind so ausgeschäumt, dass das Modell darin fest steht und nicht wackelt. Und sie sind abschließbar. Man kann sie direkt auf die Reise schicken. Für die Arbeitsmodelle haben wir Kapa-Kisten, denn die weiteste Reise, die sie machen, ist die zurück ins Büro.

Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis zu den Dingen im Raum beschreiben?

Am Anfang waren es für mich nur Modelle in Holzkisten. Als ich angefangen habe, die Sachen zu dokumentieren, gab es schon einige Objekte, die mich begeistert haben. Wir haben hier den Masterplan „Museumsinsel“, dazu gibt es ein sehr schönes großes Holzmodell. Und auch die Modelle zum Neuen Museum, die sind sehr filigran gearbeitet. Die Räume, die man dort in groß sieht, hat man hier als Modell. Das ist schon unsere kleine Schatzkammer hier. Ich bin gerne hier. Ich sehe das nicht nur als Lagerraum. Für mich ist es ein schöner Arbeitsplatz. Am Anfang hatten die Kisten ja auch noch keine Fotos. Das war sehr spannend beim Öffnen. Für viele Kisten und Objekte muss man dafür zu zweit sein, alleine kann man nicht mal den Deckel abheben. Manche Modelle wiegen bis zu 200 Kilo. Es gibt ein Modell aus Stein und Holz. Das war schon abenteuerlich, dieses Objekt in die Archivliste aufzunehmen. Das ist riesengroß. Wir haben erstmal eine halbe Stunde versucht, es zu bewegen, um es zu vermessen. Dann haben wir Konstruktionen gebaut, damit es auf die Waage passt. Da haben wir uns richtig kreativ betätigt.

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