Ansammeln - Einlagern, Wiederverwenden – Wegwerfen?

15.Februar 2012 / von Annelie Knust

Da oft nicht genügend Raum zur Aufbewahrung von Dingen zur Verfügung steht, Wohnungen und Keller zu klein sind, beziehungsweise Keller und Dachböden fehlen, nutzen viele Menschen dafür externe Lagerstätten wie die Self Storage Lagerräume.


Um-, Zusammenzug, Trennung vom (Ehe-) Partner, Wohnen zur Unter- oder Zwischenmiete, Auslandsaufenthalt, Arbeitsplatzwechsel, Wohnortswechsel, Haushaltsauflösung, der Tod eines Menschen, Familienzuwachs, Renovierung, Wohnungslosigkeit oder Expansion einer Geschäftsidee, 'Älter werden'  „[...] sind Phasen im Lebenslauf, in denen der 'unreflektierte Strom des schlichten Dahinlebens' (Schütz) unterbrochen wird, in denen eine neue Ausrichtung, eine andere Sinngebung unumgänglich werden“1. Es sind Momente im Leben, in denen die Mensch-Dinge-Beziehungen der Kulturwissenschaft auf die 'Probe' gestellt werden.

Ein Umzug, wenn also Bewegung ins Leben kommt, ist Anlass zur 'Entrümpelung'. Für alle meine Interviewpartner2 bedeutet dies jedoch Anstrengung, das 'Entrümpeln' will stets sorgfältig geplant sein. Die Dinge um uns sind mehr als reine Gebrauchsgegenstände, oft verbunden mit Erinnerungen und Bezügen: „[...] sorting out becomes a metaphor for the sorting out relations and memories“3 beziehungsweise „moving allows people to order their relations and memories“4. Doch nicht immer gelingt die Trennung von Dingen, wie der Fall des Herr Horn zeigt, der weder vor noch nach dem Umzug Zeit zum 'Aussortieren' finden konnte. Seine Lösung bestand im 'Behalten' und dem Füllen seiner Miet-Boxen.

Das von den Medien gemalte Bild der „modernen Nomaden“, meint der 45-jährige in Stuttgart lebende Ausstellungsgestalter und Designer Herr Nische, „die sich nicht mit mehr belasten als dem absolut Notwendigen, was man zum Leben braucht und [...] so ganz leichte Klappmöbel haben, die sie dann in ihre Unterkunft tun, die sie vielleicht nach einem halben Jahr schon wieder verlassen, [...]“, trifft weder auf ihn zu noch auf einen meiner weiteren Interviewpartner. Das Bedürfnis ist groß, sich Inseln der Stabilität im gesellschaftlichen Grundmuster der Veränderung zu schaffen, diese Gemeinsamkeit teilen alle Befragte. Die Rede von der Mobilität entlarvt sich damit selbst als 'Modebegriff'. Die eigenen vier Wände nämlich sind der wichtigste Repräsentant einer in Deutschland verbreiteten, an materiellen Dingen orientierten 'Besitz- und Konsumkultur'.

Genauso wie Dinge zu Zeichen der Abgrenzung werden können, sind sie auch Zeichen der Verbundenheit. Während sie bei jüngeren Menschen oftmals zur Stabilisierung der eigenen Identität beitragen können, meint Waltraut Bellwald5, sind es für ältere Personen Erinnerungen an Menschen und Ereignisse der eigenen Biografie, die sie mit Bedeutung aufladen können und die Trennung von ihnen erschweren. Die 'Nostalgie' verbietet oftmals die Entsorgung der Dinge. Wer dagegen behauptet die materielle Habe sei unbedeutend, es würden nur die 'seelischen Werte' zählen und ihnen damit abspricht, Symbole menschlicher Beziehungen zu sein, habe oft, meint Mihaly Csikszentmihalyi6, keine besonders engen Kontakte zu anderen Menschen gepflegt.

'Entsorgen' meint in den seltensten Fällen für meine Interviewpartner 'wegwerfen'. Deutlich wird für mich hier, dass es offenbar leichter ist, Abschied von Dingen zu nehmen, wenn man weiß, dass sie noch einmal einen Gebrauch finden könnten und nicht einfach vernichtet werden.

 

 

1 Waltraut Bellwald: Wohnen und Wohnkultur. Wandel von Produktion und Konsum in der Deutschschweiz. Züricher Beiträge zur Alltagkultur. Band 1. Zürich 1996. Waltraud Bellwald 1996, S. 248.

2 Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird bei Personenbeschreibungen durchgängig nur die männliche Schreibweise verwendet und auf Doppelformen wie Interviewpartner und Interviewpartnerinnen verzichtet. Alle von mir interviewten Personen, ob männlich oder weiblich, sind in dieser Bezeichnung jedoch ausdrücklich mit eingeschlossen.

3 Jean-Sebastien Marcoux: The Refurbishment of Memory. In: Daniel Miller [Hg.]: Home Possessions. Material Culture Behind Closed Doors. Oxford 2001, S. 69-86, S. 82.

4 Ebd.

5 Vgl. Bellwald 1996, S. 286.

6 Vgl. Mihaly Csikszentmihalyi: Warum wir Dinge brauchen. In: Anke Ortlepp/ Christoph Ribbat[Hg.]: Mit den Dingen leben. Zur Geschichte der Alltagsgegenstände. Stuttgart 2010, S. 21-31, S. 30.

1 Kommentar(e) Alle lesen
Mason
17-03-12 10:22 / von Mason
Tja, was soll ich da noch sagen, audfer dass sich das Warten wahrlich nleohgt hat und ich die Bilder mal wieder absolut fantastisch finde!!!Hoffen wir mal, dass der zweite Teil nicht ganz so lange auf sich warten le4sst .
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