Domophobie oder Mobilophobie? Veränderte Einstellungen zu Mobilität & Kontinuität

03.Februar 2012 / von Carmen Keckeis

In der heutigen Welt rast alles nur so an uns vorbei. Tagtäglich sind wir mit einer Informationsflut konfrontiert, die eine Unmenge von Ereignissen, Veränderungen und Innovationen beinhaltet. Von einem Menschen alleine kann das alles gar nicht mehr erfasst oder begriffen werden. Die Geschwindigkeit der Produktion von immer Neuem, Besserem, Schnellerem ist überwältigend.


Schon mit Ende 20 kann man sich vorstellen, was man seinen Enkeln einmal alles erzählen wird, womit man sie dann verblüffen (oder langweilen) kann. „Wisst ihr, früher war alles gaaaanz anders! Als ich noch so klein wie ihr war, hatte noch fast niemand einen Computer zu Hause. Ich habe damals noch auf einer richtig alten Schreibmaschine gelernt, wie das 10-Finger-System geht. Und Handys – das gab es damals auch noch nicht. Die ersten Handys besaßen Geschäftsleute und die waren soo groß und hatten eine Antenne. Internet wurde damals erst erfunden, das hab ich zum ersten Mal im Gymnasium im Informatikunterricht kennengelernt. Damals hat man noch Briefe geschrieben, keine E-Mails und SMS. Geflogen bin ich das erste Mal bei meiner Maturareise und die Züge waren nur halb so schnell wie heute. ...“ usw. usf.

Viele der in die Erzählung eingeflossenen technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte haben vor allem eines ermöglicht – eine unglaubliche Steigerung der Mobilität. Raum lässt sich immer einfacher und schneller überwinden. Mobil zu sein und zu reisen ist ‘in‘, Mobilität und Flexibilität zählen „zu den neuen Leitbildern unserer Erwerbsgesellschaft“.1 Zur Zeit der Hochindustrialisierung galt ein hohes Maß an Mobilität noch als gefährlich – auffallend mobile Menschen waren meist arme Saisonarbeiter, die ihrer Arbeit folgen mussten oder darauf angewiesen waren, auf der Suche nach Arbeit immer weiter zu reisen. Heute würde man sagen, dass ihre Arbeitsverhältnisse prekär waren. Sie galten als sozial nicht integriert, ohne Bindungen und Verantwortungsbewusstsein und das proklamierte Ziel des Bürgertums war es, diese ‘Nomaden‘ sesshaft werden zu lassen. „Familie und Nachbarschaft sollten integrieren und kontrollieren. Seßhaftigkeit wurde als ein herausragendes Mittel gesehen, die neue Stadtgesellschaft zu stabilisieren und abweichendes Verhalten zu reduzieren.“2

Heute jedoch ist es insbesondere am Arbeitsmarkt wichtig, mobil und flexibel zu sein. Ein Angestellter ohne soziale Bindungen und Verpflichtungen ist – frei wie ein Vogel – ideal für viele internationale Unternehmen, da flexibel einsetzbar, anpassungsfähig und zudem hochgradig mobil, da ihn nichts hält an dem Ort, wo er sich momentan gerade aufhält oder augenblicklich wohnt. Der Wunsch, ständig mobil zu sein und zu reisen kann sogar extreme Ausmaße annehmen und zur Sucht werden – dies nennt man „Domophobie“ und bedeutet „das Unvermögen, längere Zeit an einem Ort zu bleiben und dort heimisch zu werden und stattdessen vom Drang besessen zu sein, ständig neue Orte zu erleben“.3

Obwohl Raum immer einfacher und schneller überwunden werden kann und Viele dadurch keine Bindungen an diesen Raum mehr aufbauen können oder wollen (als ‘moderne Nomaden‘, die immer nur von einem Ort zum nächsten ziehen, ohne sie als wichtigen Teil des eigenen Lebens und der Identität zu empfinden oder zuzulassen...) ist für Andere gerade das Zuhause und dessen Kontinuität sehr bedeutsam. Dies lässt sich beispielsweise an der steigenden Anzahl von Pendlern erkennen – man legt Wert darauf, den Wohnsitz beizubehalten und nimmt dafür einen weiten Arbeitsweg auf sich. Faith Popcorn, eine Marktforscherin aus den USA, hat damit zusammenhängend zum ersten Mal in den 80er Jahren den Begriff „Cocooning“ verwendet, was bedeutet „nach innen zu gehen, wenn draußen alles zu rauh und erschreckend wird.“4 Das eigene Zuhause vermittelt, vor allem angesichts großer, globaler Probleme und Unsicherheiten, des raschen Wandels und Übermaßes an Eindrücken; durch die Kontinuität der eigenen vier Wände Sicherheit – „my home is my castle“.5 Diesen Platz kann man sich individuell aneignen, gestalten und somit in gewisser Weise auch kontrollieren, im Gegensatz zu der Welt ‘da draußen‘...

Wird es in Zukunft eine stärkere Polarisierung der Einstellungen zu Mobilität und Kontinuität geben und damit Veränderungen hinsichtlich der individuellen Bedeutung von Raum und Platz? Gestalten immer mehr ihr Leben nach den beiden Extremen – dem Drang jederzeit mobil zu sein versus den Wunsch nach Kontinuität des Wohnortes? Wohin tendieren Sie – Domophobie oder Mobilophobie?





1 Aufhauser Elisabeth (1995): Wohnchancen – Wohnrisiken. Räumliche Mobilität und wohnungsbezogene Lebensführung in Wien im gesellschaftlichen Wandel. Abhandlungen zur Geographie und Regionalforschung. Band 4. Institut für Geographie. Wien. S.344

2 Häußermann Hartmut, Siebel Walter (1996): Soziologie des Wohnens. Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung des Wohnens. Juventa Verlag. Weinheim und München. S.64f.

3 Flade Antje (2006): Wohnen psychologisch betrachtet. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Verlag Hans Huber. Bern. S.78

4 Popcorn Faith (1991): Der Popcorn Report. Trends für die Zukunft. Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG. München. S.40

5 Ebenda. S.12

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