Sammeln

09.Januar 2012 / von Petra Beck

Wir leben in der westlichen Gesellschaft in einer Überflussgesellschaft. Die meisten Haushalte der westlichen Welt besitzen mehrere tausend Dinge; Dinge, die gepflegt, benutzt und geordnet sein wollen.


„Sich selbst sammeln“ (Clifford 1990) ist eine Kunstform geworden. Die notwendigen Techniken sind: Entscheiden, Loslassen, Organisieren. Dabei entstehen täglich neue Nachbarschaften zwischen den Dingen, neue Verbindungsfäden, Ensembles und neue Kategorien: Erinnerungsstück, Müll, Alltagsgegenstand. 

Wir definieren uns über den Konsum, den Gebrauch, die Inszenierung und die Ästhetisierung von Dingen. Wir bewegen uns in Dingwelten. Unser Verhältnis zu den Dingen wiederum definiert unser Verhältnis zur Welt. Aber wohin mit den ganzen Dingen? Wir benutzen sie, wohnen mit ihnen, stapeln sie, bewahren sie. Wir werfen weg, lassen los, sortieren aus. Wir sammeln. Das Sammeln ist eine besondere Praktik der Aneignung der Welt durch Dinge:

„Das Sammeln ist seit langem eine Strategie für die Entwicklung eines possessiven Selbst, einer ebensolchen Kultur und Authentizität. Die Sammlungen von Kindern erklären in diesem Licht viel: die Spielzeugautomatensammlung eines Jungen, die Puppen eines Mädchens, die ‚naturkundliche Sammlung’ eines Sommerurlaubs.... In diesen kleinen Ritualen beobachten wir die Kanalisierung von Obsessionen, eine Übung darin, wie man sich die Welt aneignet, auf geschmackvolle passende Weise um sich herum Dinge versammelt. Der Inhalt der Sammlung spiegelt allgemeine kulturelle Regeln wider – rationaler Taxonomie, des Geschlechts, der Ästhetik. Ein übermäßiges, manchmal sogar habgieriges Bedürfnis etwas zu haben, wird in regelgeleitetes, sinnvolles Begehren transformiert. Auf diese Weise lernt das Selbst, das besitzen will, aber nicht alles haben kann, auszuwählen, zu ordnen, in Hierarchien zu klassifizieren – um ‚gute’ Sammlungen zusammenzutragen.“ 
(James Clifford: Sich selbst sammeln, in Korff/ Roth: Das historische Museum 1990, 89)

Mit diesen symbolischen Praxen der Aneignung der Welt, durch die sich gesellschaftliche Identitäts- und Machtvorstellungen ausdrücken, entstehen auch neue, sozial und zeitlich spezifische Objektkonstellationen: Sammlungen. Diese, durch ein „possessives Selbst“ versammelten, Objektensembles und Konstellationen führen unmittelbar zu Fragen nach den Praxen von Bewahren und Aufbewahren und nach den Räumen, in denen die Dinge angeordnet, hierarchisiert, musealisiert oder verborgen werden: „Place (...) is an act of assembling. Dwelling is an act of place. Building is the gathering together of men, materials and ideas with a view to dwelling.“ (Chris Fawcett, The new japanese house, 1980, 85) 

Selbststilisierung und Performanz zeigen sich durch die Inszenierung der Dinge im Wohnraum. Ihre Auswahl und Anordnung geben dem Lebensstil der Bewohner eine Bühne. Jenseits dieser Repräsentationräume gibt es aber noch die Anti-Repräsentationsräume. Die Keller, die Dachböden, die Container, die professionellen Einlagerungsräume. Es gibt Sammlungen für den einen, wie den anderen Raum. Was wird dort inszeniert oder musealisiert? Was wird in andere Räume verbannt oder kolonisiert? Und wohin mit den Dingen des „possessiven Selbst“ und den Dingen des „anderen Selbst“? Des skifahrenden, surfenden Selbst, des Feiertags-Selbst, des Kind-Selbst, des Teenager-Selbst? Also, wohin mit den Karnevalskisten, dem Weihnachtsschmuck, den Sportgeräten, Kinderzeichnungen und Jugendbüchern? Wie der Wintervorrat des Eichhörnchens lagern diese Sammlungen des „anderen Ich“ in den Anti-Repräsentationsräumen und werden bei Bedarf hervorgeholt. Solange führen die Dinge ein Eigenleben in Räumen, die ausschließlich ihnen gehören.

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