Zum Wegwerfen zu schade?

09.Dezember 2011 / von Annelie Knust

Von Menschen, Dingen, Speicherräumen - das Prinzip "Self Storage" aus kulturwissenschaftlicher Sicht


„Zum Wegwerfen zu schade?“ lautet der Titel meiner im Fach Empirische Kulturwissenschaft am Ludwig-Uhland Institut der Eberhard Karls Universität Tübingen 2011 abgeschlossenen Magisterarbeit.

Überall und jederzeit sind wir umgeben von Dingen1. Wir nutzen sie, wir brauchen sie, wir setzten sie ein - und manchmal lieben oder hassen wir sie. Wir leben mit den Dingen. Sie sind die täglichen Begleiter in unserem Alltag. Dabei ist in der heutigen Wohlstandsgesellschaft ˈein Zuvielˈ an Gegenständen und Informationen typisch2. Wir sind also nicht nur umgeben von den Dingen, sondern müssen uns auch einem ˈZuvielˈ an Dingen erwehren und selektieren, sei es beim Einkaufen, im Wohnalltag oder innerhalb der Freizeitgestaltung. „Auswählen“, wie es Annina Wettstein formuliert, „meint auch, sich von Dingen zu trennen, was heißt, nicht mehr Benötigtes wegzugeben oder wegzuwerfen3. ˈAuswählenˈ heißt damit stets entscheiden, entscheiden über ˈErwerb oder Verzichtˈ, ˈAufbewahren oder Wegwerfen, ˈSchonen oder Verbrauchenˈ, ˈSammeln und Ordnenˈ. Alle diese Tätigkeiten wiederum „implizieren eine Kompetenz, darüber zu entscheiden, welche Objekte wichtig oder unwichtig, wertvoll oder wertlos sind4. Diese alltägliche ˈSelektionsleistungˈ wird oft genug als bedauerliche Mühsal und Last empfunden, sodass der gegenwärtige Ruf nach Einfachheit in der zunehmenden Unübersichtlichkeit in Zeiten materieller Überproduktion und wachsenden Komplexität der Welt nicht überrascht. Laut Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts (GDI) kennzeichnet sie bereits einen „gesellschaftlichen Megatrend5. Ratgeberliteratur und Internetblogs raten zum „Abwerfen von Ballast“, denn „weniger Besitz, mehr Freiheit“, so lautet die Zauberformel.

Ungeachtet dessen, besitzt der deutsche Bundesbürger im Durchschnitt 10.000 Dinge6, sodass sich die Frage aufdrängt, wo diese alle aufbewahrt werden? Da wir nicht alle Dinge, die sich im Laufe unseres Leben um uns herum angesammelt haben, jederzeit und tagtäglich griffbereit brauchen, können wir zwar auf vieles in unserem direkten Umfeld verzichten, nicht aber auf deren Aufbewahrung. Schnell entsteht die Frage nach dem geeigneten Aufbewahrungsort. Bei meiner Recherche zur ˈSpeicherkulturˈ in Deutschland bin ich neben den ˈklassischenˈ Einlagerungssystemen wie Dachböden, Keller oder externe Lagerstätten, wie die zum Lager umfunktionierte Scheune im ländlichen Raum, auf das in Deutschland noch junge Phänomen ˈSelf Storageˈ (Selbsteinlagerung) gestoßen. Wie alle Medien übereinstimmend berichten, handelt es sich bei ˈSelf Storageˈ um eine boomende Branche, auf die Gewerbliche wie Private in Großstädten inzwischen regelrecht angewiesen seien. Sie nämlich biete dem gestressten Großstadtmensch flexiblen Raum bzw. Platz zur Unterbringung seiner Dinge an. Für mich als Kulturwissenschaftlerin sind dabei besonders die Motive interessant, weshalb die räumliche Verteilung des materiellen Besitzes der Menschen inzwischen weit über den Radius der eigenen Wohnung oder des Hauses hinaus reichen kann.

So habe ich 20 Interviews mit Kunden der Self Storage Firma MyPlace in Stuttgart und Hamburg geführt und 2 Experteninterviews mit Angestellten von Self Storage Filialen daran angeschlossen. 13 dieser Interviews fanden schließlich Eingang in meine Forschungsarbeit, die ich von Januar bis März 2011 durchführte. Mein Vorgehen war dabei angelehnt an die sozialwissenschaftlichen Methode der Grounded Theory, die auf eine empirisch fundierte Theorienbildung abzielt. Das heißt, dass sich der Forscher möglichst ˈunbelastetˈ in das Forschungsfeld begibt und aus der Felderkundung und aus den dabei gewonnenen Erkenntnissen den Leitfaden für seine Arbeit herausarbeitet. In meinem Fall habe ich leitfadengestützte Interviews durchgeführt, eigene Beobachtungen im Feldtagebuch notiert und das Innere der Lagerräume per Fotografie festgehalten.

Im Folgenden geben alle meine Texte ausschnitthafte Einblicke in meine Magisterarbeit7, die der Frage nachgeht, warum die Dinge „zu schade zum Wegwerfen“ sind und inwiefern das junge Phänomen Self Storage dem Bedürfnis der Menschen dient, Dinge aufzubewahren. Sie handelt damit von Menschen, ihren Dingen und ihren Erfahrungen mit deren Speicherung bzw. Einlagerung in der Großstadtwohnkultur. Indem sie die leeren Lagerräume der Self Storage Firma anmieten und mit ihren persönlichen Dingen auf ihre bestimmte Weise auffüllen, kann aus diesem Speicherraum ein persönlicher Raum werden. Daher ergaben sich für meine Magisterarbeit drei Inhaltsschwerpunkte:

  • Warum einlagern – Beweggründe der Einlagerung
  • Wo einlagern – Räume der Einlagerung
  • Wie einlagern – Ordnungsstrukturen bei der Einlagerung

 

 

1 Unter Dinge fasse ich alle materiellen Gegenstände, wie es auch Hans Peter Hahn in seiner Einführung in die materielle Kultur ausführt. Vgl.  Hans Peter Hahn: Materielle Kultur. Eine Einführung. Berlin 2005, S. 18-21.

2 Vgl. Annina Wettstein: Messies. Alltag zwischen Chaos und Ordnung. In: Ueli Gyr/ Gisela Unterweger [Hg.]: Züricher Beiträge zur Alltagskultur. Band 14, Zürich 2005, S. 8.

3 Ebd.

4 Deshalb spricht Annina Wettstein auch von Auswahl als Kulturtechnik. Ebd., S. 110.

5 Aus GDI-Studie Nr. 3 und 4: Einfach, aber besser: Megatrends Basic. Ebd., S. 8.

6 Vgl. Dagmar Steffen: Einleitung. In: Dagmar Steffen [Hg.]: Welche Dinge braucht der Mensch? Hintergründe, Folgen und Perspektiven der heutigen Alltagskultur. Katalogbuch zur gleichnamigen Ausstellung im Auftrag des Deutschen Werkbundes Hessen. Gießen 1995, S. 9- 17, S. 9.

7 Annelie Knust: Zum Wegwerfen zu schade? Von Menschen, Dingen, Speicherräumen: Das Prinzip ˈSelf Storageˈ aus kulturwissenschaftlicher Sicht. Unveröffentlichte Magisterarbeit. Eberhard Karls Universität Tübingen. Tübingen 2011.

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