Vorwort: Platz! Mein Platz? Place-Making!

17.Oktober 2011 / von Prof. Wolfgang Kaschuba

Ja, klingt denglisch! Aber zum lakonisch knappen und zugleich offen vagen „placemaking“ gibt es im Deutschen eben kein Pendant, wenn es um die Verhandlung von „Platz“ geht. Und darum soll es hier gehen!


Um Platz als eine Funktion von Raum, als materielle Struktur wie als imaginäre Anordnung, als soziales wie als topographisches Konstrukt! Um Platz, der eben da ist oder fehlt, der seine konkreten Funktionen besitzt oder darin umstritten ist! Um Platz, der in Wohnräumen wie in öffentlichen Räumen vorkommt (oder eben nicht), der im Alltag zur Heimat wie zum Alptraum werden kann! Um Platz also auch, der Inspiration und Kreativität ebenso herausfordert wie Selbstbewusstsein und Durchsetzungsfähigkeit. „Ich brauche mehr Platz!“ und „Machen Sie mal Platz!“ sind zwei ebenso banale wie basale Denkreflexe in unserem massenhaften Alltag, wenn es um Platzansprüche in gemeinsamen Geh-, Steh-, Stell-, Stand-, Wohnflächen geht. Es sind allerdings Sätze, die selten nur laut geäußert werden, weil sie auch raumgreifend sind, weil sie bedrängen und verdrängen können – eben den Platz der Anderen. Oder, mit dem Fußball-Philosophen Otto Rehhagel: „Die Wahrheit is aufm Platz!“

Schon dieser noch umgangssprachliche Platz also zwingt uns, das Soziale und das Kulturelle immer wieder in der Dimension des Räumlichen zu denken, es dabei auch neu zu konzipieren. Dies gewiss auch vor dem Hintergrund der (zu?) vielen Debatten um den „spatial turn“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Aber in seiner geradezu praxeologischen Formatierung scheint der Platz assoziativ wie diskursiv in ganz eigener Weise verfasst: als ein detaillierter, konkretisierter, differenzierter Raum. Darin schwingen Zugehörigkeiten und Zuweisungen mit, Beziehungen und Hierarchien. Er bindet unsere Alltagspraktiken in eine Mikrophysik der Räume ein, also in die vielfältigen Bedeutungen und Kontextierungen von „Platz“ als areal-sozialem Arrangement: im Öffentlichen wie im Privaten, im Zimmer wie im Wandregal, im Fotoalbum wie im Internet, im Blick auf Arbeit wie auf Hobby, auf Geschlechter wie auf Generationen, auf Selbstentfaltung wie Selbstbeschränkung. Stets geht es um das sorgfältige materielle wie symbolische „Platzieren“ unsrer Ding- und Besitzwelten und damit um den räumlichen Modus einer unbewussten wie bewussten identitären Praxis „des Eigenen“. Denn jenes Besitzen, Benutzen, Aufbewahren, Sammeln, Austauschen, Ordnen bringt die Dinge und uns im Raum als Akteure zusammen. Und es schafft damit in der Tat subjektive kleine „Welt-Ordnungen“ in Gestalt von identitären Konstellationen und Konfigurationen.

All diese Konnotierungen des Platzes sprechen also dafür, ihn als eine heuristische Figur zu benutzen, deren unterschiedliche praktische Nutzungen wie semantische Füllungen uns Aufschluss geben über unsere eigene „Platz-Verwaltung“. In diesem Sinne soll auch dieser Blog selbst ein vielseitiger Platz sein: Lagerplatz für Informationen und Kommunikationen, Marktplatz für Begegnungen und Verhandlungen, Schauplatz für Meinungen und Positionen. Offen jedenfalls für Wissenschafts- und Kunstschaffende aller Richtungen ebenso wie für andere Engagierte, die „quer“ zu akademischen Disziplinen und wissenschaftlichen Denkgewohnheiten den Geheimnissen unserer sozialen und kulturellen Praxis „Platz“ auf die Spur kommen wollen.


1 Kommentar(e) Alle lesen
Platzprofessor
25-10-11 10:11 / von Alex
Grundsätzlich ein sehr spannendes Thema. Werde das sicher weiter beobachten....
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